Erinnerst du dich, wie sich der Alltag anfühlt, wenn dein Hund Futter, Spielzeug oder seinen Platz verteidigt? Ständig auf der Hut, Näpfe trennen, Türen schließen, Kauknochen wegräumen, jede Sekunde mitdenken, damit es nicht kippt. Management pur.
Stell dir vor, wie es wäre, wenn dein Hund an einer Ressource ruhig bleiben kann. Wenn er lernt: Hergeben ist nicht schlimm, Warten lohnt sich sogar, und mir wird nichts weggenommen. Wenn du nicht mehr nur reagierst, sondern ein Werkzeug in der Hand hast für genau die Momente, in denen es früher gekracht hätte.
Genau dahin führen dich die Übungen in diesem Artikel. In Teil 1 ging es ums Verstehen und ums sichere Managen, also „erst schützen, dann schulen“. Wir arbeiten daran, Ressourcenverteidigung beim Hund abzutrainieren, indem wir die Ressource für ihn entschärfen und ihm ein anderes Gefühl geben.
Und weil ich mit mehreren Hunden lebe und so viele Pflegehunde begleitet habe, weiß ich, dass das geht. Selbst meine Pflegegalga Cara, der Hund mit dem härtesten Ressourcenproblem, das ich je hatte, wurde am Ende völlig entspannt. Nicht durch einen Trick, sondern durch viele kleine Schritte.
Falls du den Einstieg mit Fotos von Cara noch nicht kennst, schau einfach hier vorbei: Ressourcenverteidigung verstehen und sicher managen (Teil 1)
Das Wichtigste in Kürze
- Trainiert wird nur in Grün, also unter der Schwelle, wo dein Hund weich und ansprechbar ist. Nie testen, nie provozieren.
- Tauschen ist die wichtigste Übung: Dein Hund lernt, dass Hergeben sich lohnt, weil danach etwas Gutes passiert.
- Die Freeze-Übung bringt deinem Hund bei, sich zurückzunehmen und zu warten, ganz ohne Kommando.
- Stationsarbeit nimmt den Druck aus der Gruppe: Der wartende Hund wird belohnt, wenn der arbeitende belohnt wird.
- Ein Ruheritual wie „easy“ gibt dir einen Fuß in die Tür, wenn es gerade schwierig wird.
- Dein 14-Tage-Plan macht aus vielen Ideen echte Umsetzung.
Die Grundregel: In Grün trainieren, in kleinen Schritten
Bevor es losgeht, etwas, was über allem steht: Wir trainieren immer im grünen Bereich, also dort, wo dein Hund entspannt, weich und ansprechbar ist. Im gelben Bereich geht gerade noch was, aber wenn es rot wird, wird nicht mehr trainiert, sondern gesichert.
Deshalb nimmst du zum Üben nie die heißeste Ressource; und wenn du mit der ganzen Gruppe arbeitest, wählst du etwas, das für keinen der Hunde besonders aufregend ist. Falls du unsicher bist, arbeitest du erst mit einem Hund allein und nimmst später einen zweiten, dann dritten etc. dazu.
Bei Ressourcen gilt: nie testen, nie provozieren, nie „mal schauen, ob es schon klappt“. Wir bauen von klein nach groß auf, denn viele kleine Schritte machen etwas stabil, während ein großer Schritt immer eher wackelig ist.
Übung 1: Tauschen lernen über die Tausch-Treppe
Tauschen ist die wichtigste Übung überhaupt. Aber Achtung: Viele üben es und wundern sich, dass der Hund dann doch wegschluckt oder abhaut. Der Grund ist fast immer, dass es nicht sauber aufgebaut war. Das Ziel ist nämlich nicht das Kommando „Aus“. Das Ziel ist, dem Gehirn deines Hundes beizubringen: Hergeben ist nicht schlimm, weil danach etwas Besseres kommt. Er soll gar nicht mehr abwägen, ob er es behält, er soll ganz einfach nur sein Maul aufmachen.

Dafür baust du eine Tausch-Treppe. Zuerst findest du heraus, was für deinen Hund geringwertig, mittelwertig und hochwertig ist. Das testest du mit zwei Leckerli: Wofür entscheidet er sich? Das Gewählte bleibt im Spiel, das andere fliegt raus, du setzt etwas Neues dagegen. So tastest du dich durch die ganze Wertigkeit. Dann tauschst du immer eine Stufe nach oben: geringwertig gegen mittelwertig, mittelwertig gegen hochwertig. Und beim Hochwertigen spielst du über die Menge oder eine noch bessere Sorte.
Ein Signal wie „lass fallen“ nimmst du erst dazu, wenn das Ganze schon flutscht, also genau in dem Moment, in dem er loslässt. Und ganz wichtig: Auch nachdem du das Ausgegebene wegnimmst, kommt noch etwas Positives, denn sonst lernt dein Hund, sich beim nächsten Mal trotzdem alles schnell wegzuschnappen.
Das funktioniert auch mit Spielzeug. Meine Pina zum Beispiel ist ein echter Spielefreund und lässt alles noch so gute liegen, wenn sie mit mir spielen darf. Bei ihr habe ich natürlich auch getestet, was höherwertig ist, und mich Stück für Stück bis zur Spielzeuggans „Nils“ hochgetauscht, ihrem absoluten Highlight. Wie das im Detail aussieht, zeige ich u. a. in meinem Spielekurs.

Übung 2: Die Freeze-Übung, warten lohnt sich
Die Freeze-Übung ist herrlich einfach und sofort umsetzbar. Dein Hund lernt dabei, sich körperlich zurückzunehmen und zu warten, bis ein Signal von dir kommt.
So geht’s: Du hältst ein Leckerli hin und tust so, als wolltest du es ihm geben. Geht sein Kopf nach vorne oder nach oben, ziehst du die Hand kurz wieder weg, aber ohne zu schimpfen und ohne jegliches sonstige Kommando. Dann bietest du es erneut an. In dem Moment, in dem er sich zurücknimmt, einen Schritt zurückgeht oder still wird, bekommt er es. So lernt er durch Ausprobieren: Warten geht schneller als Vordrängeln.
Wichtig: Du gibst kein Signal, dass er sich setzen oder zurücknehmen soll. Er soll es selbst herausfinden, denn dann macht er es irgendwann von allein. Erst später knüpfst du das Ganze an seinen Namen: Es passiert nichts, bevor sein Name fällt.
Ich habe das mit jedem Hund, der zu mir auf Pflegestelle kam, schon immer so aufgebaut. Und die Übung ist vor allem auch für kleine Hunde super, die einem gern entgegenspringen: Der Po bleibt unten, sonst kommt das Leckerli kurz weg.
Übung 3: Am Napf trainieren
Den gleichen Gedanken kannst du direkt am Napf üben, und zwar jeden Tag und vor allem ganz nebenbei. Du stellst den Napf auf den Boden, und will dein Hund sofort hin, nimmst du ihn kurz wieder hoch. Geht er einen Schritt zurück oder wartet, startest du erneut. Dein Hund soll lernen zu warten, bis der Napf unten steht und er eine Freigabe bekommt. Aber eben nicht darüber, dass du ihn vorher absitzen lässt, sondern durch eigenes Mitdenken.
Du belohnst also das Warten, du belohnst die Zurücknahme, und du darfst dabei gerne auch immer wieder einmal ein Leckerli geben, bevor der Napf komplett am Boden steht. So wird aus der Hand am Napf kein Grund zur Sorge, sondern ein Signal für etwas Gutes. Genau das ist das Gegenteil von „einfach mal wegnehmen, damit er es lernt“.

Übung 4: Stationsarbeit und Deckentraining
Wenn du mit einem Hund üben willst und die anderen sollen zuschauen, ohne sich einzumischen, brauchst du Stationsarbeit. Jeder Hund hat seinen Platz, seine Decke, an der er wartet.
Der Clou kommt beim Belohnen: Immer wenn der Hund, mit dem du gerade arbeitest, eine Belohnung bekommt, bekommt der wartende Hund auf seiner Decke auch eine. So lernt er: Warten lohnt sich und es nimmt mir nichts weg. Der Mensch macht zwar gerade etwas mit dem anderen, aber ich gehe nicht leer aus. Genau so bekommst du Ruhe in die Gruppe und nimmst den Konkurrenzdruck aus dem Thema Ressourcen.
Das baust du langsam auf: erst sekundenweise, dann mit leichter Ablenkung, dann mit einem zweiten und dritten Hund. Wie das Schritt für Schritt aussieht, findest du im Kursbereich beim Selbstlernkurs „Leinenlust statt Leinenfrust“, falls du tiefer einsteigen möchtest.
Übung 5: Maulöffnen für den Notfall
Diese Übung wird oft vergessen, ist aber Gold wert: Du solltest deinem Hund im Notfall den Fang öffnen können, ganz egal, ob er eine Ressource oder im dümmsten Fall einen anderen Hund im Fell hat.
Bitte greif deinem Hund aber nie einfach ins Maul. Vielleicht klappt es einmal… beim nächsten Mal hat er im Zweifel aber abgespeichert, dass ihm da etwas weggenommen wird und schnappt. Deshalb baust du es in Ruhe auf und kündigst es an: erst sanft ans Maul fassen und belohnen, dann die Hand liegen lassen, während er frisst, dann die Lefzen ein wenig heben. Für jeden Schritt gibt es Lob und eine Belohnung, und ganz am Ende ein Signal wie „Maul auf“. So wird das Ganze zu einem entspannten Medical-Training wie beim Tierarzt, nur eben zu Hause.
Dein Ruheritual: konditionierte Entspannung
Manchmal brauchst du ein Werkzeug, das dir in einem angespannten Moment einen Fuß in der Tür verschafft. Genau das ist ein Ruheritual über die konditionierte Entspannung.
Bei uns heißt es „easy“, ganz lang gezogen ausgesprochen. Fast jeden Abend, wenn alle entspannt vor dem Einschlafen liegen, sage ich es drei-, viermal. So verknüpft das Gehirn das Wort mit tiefer Ruhe. Und irgendwann funktioniert es umgekehrt: Das Wort holt die Ruhe zurück. Es ist derselbe Mechanismus wie beim Aufbau von Signalen wie „Sitz“ oder „Platz“; erst zeigt der Hund das Verhalten, dann gibst du ihm den Namen dafür.
Du kannst es aktiv aufbauen (streicheln, kurz die Hände wegnehmen, das Wort sagen, weiterstreicheln) oder passiv (der Hund döst, du gehst vorbei und sagst dein Wort). Nimm ein Wort, das du schön lang ziehen kannst – easy, ruhig, relax – und baue es über vier bis sechs Wochen auf, bevor du es einsetzt. Dann bringt dein Signal deinen Hund im gelben Bereich eher zurück ins Grün, statt weiter ins Rot.
Ressourcen entschärfen statt verknappen
Ein häufiger Denkfehler: dem Hund alles wegzunehmen, damit er „teilen lernt“. Das erreicht genau das Gegenteil! Verknappung verschärft die Verteidigung, weil das Seltene umso wertvoller wird.
Klüger ist, dass entweder gar nichts rumliegt und du gezielt gibst, oder so viel, dass es sich gar nicht lohnt, etwas zu verteidigen. Wenn ein bestimmtes Spielzeug heilig ist, kannst du es in mehrfacher Ausführung hinlegen, bis es an Wert verliert. Und alles, was extrem toll ist, machst du lieber öfter am Tag ein bisschen, statt einmal groß, damit es nicht so kostbar bleibt. Sicherheit entsteht aus mehr, nicht aus weniger.




Warum das für Mehrhundehalter besonders wichtig ist
Beim Training mit mehreren Hunden kommt es vor allem auf Fairness beim Belohnen an.
Achte also darauf, wen du belohnst. Wir kümmern uns von Natur aus immer um den, der Lärm macht, der bellt, drängelt, Fehler macht. Genau das ist die Falle. Willst du mit einem Hund arbeiten und ein anderer bellt dazwischen, dann bleibt deine Aufmerksamkeit bitte trotzdem bei dem Hund, mit dem du gerade übst. Der Störer bekommt in dem Moment nichts, sonst lernt er: Lärmen lohnt sich. Belohnt wird der, der ruhig wartet, auch wenn es ihm gerade schwerfällt. Notfalls bindest du den Unruhestifter kurz irgendwo an, damit du ihn nicht ständig korrigieren musst. Denn auch negative Aufmerksamkeit ist Aufmerksamkeit.
So bleibt es fair, und die Gruppe kommt zur Ruhe, weil jeder merkt, dass der Mensch seine Ansprachen gerecht verteilt und niemand hinten runter fällt.

Dein 48-Stunden-Schritt
Damit aus all dem echte Umsetzung wird, fang klein an. Ich mache das mit meinen Kunden immer so und ich möchte, dass du dir jetzt für die folgenden drei Punkte nur jeweils ein Ding notierst, genau eins. Denn wer sich drei Übungen gleichzeitig vornimmt, macht am Ende keine davon.
1️⃣ Eine Beobachtungsaufgabe, zum Beispiel: „Ich achte ab morgen verstärkt darauf, wie mein Rüde reagiert, wenn ich mit den Näpfen aus der Küche komme.“
2️⃣ Eine Sicherheitsmaßnahme, die du schon morgen umsetzt, zum Beispiel einen Sichtschutz zwischen die Näpfe, einen Hund an die Hausleine, oder es liegt einfach kein Spielzeug mehr rum.
3️⃣ Eine Übung, die du ab morgen täglich drei bis fünf Minuten machst, denn fünf Minuten schafft jeder! Die Freeze-Übung eignet sich super für den Start.
Dein 14-Tage-Plan
Aus dem 48-Stunden-Schritt wird leicht ein kleiner Fahrplan. Wichtig sind klare, kurze Schritte, langsam wachsende Distanz und messbare Kriterien, also Dinge, an denen du echten Fortschritt siehst, z. B. der Hund hält drei Sekunden länger still, er geht einen Schritt weiter zurück, er lässt den anderen einen Meter näher heran…
Das alles klingt nach viel Arbeit, aber in kleinen Schritten ist es gut zu schaffen. Und den größten Schritt hast du schon getan, nämlich hinzuschauen und anzufangen. Für die ausführlichen Anleitungen zu Ressourcen und Ressourcenverteidigung findest du in meinem Basiskurs „In 8 Wochen vom Durcheinander zum Miteinander“ eine eigene Einheit.
Ressourcenverteidigung beim Hund abtrainieren ist kein Zaubertrick und kein Kraftakt. Es ist Verständnis, ein sicherer Rahmen und viele kleine, freundliche Wiederholungen. Deine Aufgabe ist es, die Ressource zu entschärfen. Die Aufgabe deines Hundes ist es zu lernen: warten, entspannen, mir wird nichts weggenommen.
Und wenn du an einer Stelle nicht weiterkommst: Schreib mir. Ich helfe dir gern, den nächsten kleinen Schritt zu finden.

Falls du sofort noch tiefer einsteigen willst, kannst du dir hier die Aufzeichnung eines fast 3-stündigen Workshops zum Thema holen, den ich in meinem Online-Club für alle Mitglieder gehalten habe. Die komplette Aufzeichnung sowie alle 67 Vortragsfolien werden direkt nach Buchung freigeschaltet.


AUTORENBOX
Hi, ich bin Christine Ströhlein – Hundetrainerin, Buchautorin und leidenschaftliche Mehrhundehalterin. Mit meiner eigenen Hundefamilie (mehrere Windhunde aus dem spanischen Tierschutz) und der Erfahrung aus über 45 Pflegehunden weiß ich, wie herausfordernd – und wie wunderschön – das Leben im „Rudel“ sein kann. Ich helfe dir, Spannungen zu erkennen, klare Strukturen aufzubauen und wieder mehr Gelassenheit in euren Alltag zu bringen – bedürfnisorientiert, fair und praxisnah, ohne Druck und ohne Dogmen.
Denn: „Harmonie im Rudel ist das Ergebnis liebevoller Führung.“
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